Unsere Quartiere im Wandel
Das Memelhaus erzählt unsere Geschichte
Vom Schiffbau zum Wohnungsunternehmen
In diesem Wohnanlagenportrait werfen wir einen Blick auf die Ursprünge unserer Genossenschaft. Denn heute befinden wir uns in der Hamburger Neustadt. Dieser Stadtteil liegt im Zentrum Hamburgs – und ganz in der Nähe des Hamburger Hafens. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was unsere Genossenschaft genau mit dem Schiffbau zu tun hat und was uns mit der litauischen Stadt Klaipėda verbindet? Mit diesem Wohnanlagenportrait über unsere Wohnanlage Memelhaus wollen wir uns heute genau damit beschäftigen. Wir setzen uns mit unserer Entstehungsgeschichte auseinander. Außerdem gehen wir der Namensgebung unseres Wohnhauses Breiter Gang/Rademachergang auf die Spur. Hier wohnen unsere Mitglieder heute in 64 Wohnungen – mit einer Wohnfläche von 42 Quadratmetern bis 56 Quadratmetern.
Wohnungsbau für Berufsgruppen
In den 1920er Jahren entstanden viele Wohnungsbaugenossenschaften. Menschen einer Berufsgruppe taten sich zusammen, um ihre Wohnverhältnisse zu verbessern. Auch in Hamburg erinnern viele Genossenschaftsnamen an diese Zeit. Unsere Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück: Nach Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert wurden die Zünfte, zu denen auch die Schiffszimmerer gehörten, schrittweise aufgelöst. Neben vielen Verbesserungen brachte dies auch Lohndumping durch das Anwerben günstigerer Arbeitskräfte mit sich. Um faire Preise für ihre Arbeit zu erhalten, organisierten sich die Hamburger Schiffszimmerer gewerkschaftlich und gründeten 1871 einen Verein, der ab 1873 den Namen Allgemeiner deutscher Schiffszimmerer-Verein trug.
Schiffsbau in Memel und der Weg zur Genossenschaft
Dieser Verein unterstützte Schiffszimmerer in der Hafenstadt Memel beim Ankauf eines Werftgeländes. Die Stadt gehörte damals zum Deutschen Reich und heißt heute Klaipėda. Die dortigen Arbeiter befanden sich aufgrund der Lohnreduktion im Streik. Sie wollten auf dem Gelände Reparaturarbeiten in Eigenregie durchführen und benötigten dafür Kapital. 1875 gründeten die Gewerkschaftsmitglieder eine Genossenschaft, die das Gelände in Memel erwarb und an die Schiffszimmerer vor Ort vermietete – unsere heutige Allgemeine Deutsche Schiffszimmerer-Genossenschaft.
Etwa zehn Jahre später entwickelte sich das Genossenschaftswesen durch eine Reform des Genossenschaftsgesetzes rasant weiter und immer mehr Wohnungsbaugenossenschaften gründeten sich. Auch wir passten unsere Satzung an und begannen, Wohnhäuser zu erwerben. 1900 realisierten wir unser erstes eigenes Bauvorhaben, das dank seiner modernen Ausstattung bald auch „Arbeiterschloss“ genannt wurde.
Vom Gängeviertel zum Sanierungsgebiet
In unmittelbarer Nähe zum Hafen befanden sich damals auch die sogenannten Gängeviertel. Hier lebten die ärmsten Bevölkerungsschichten Hamburgs eng unter miserablen hygienischen Verhältnissen. Mehr als zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner setzte sich aus der Arbeiterschaft zusammen, was vor allem auf die Nähe zum Hafen zurückzuführen war. Als nach der Choleraepidemie 1892 besonders viele Menschen in den Gängevierteln ums Leben kamen und die Hafenarbeiter wenige Jahre später im großen Hafenarbeiterstreik von 1896/97 ihre Arbeit niederlegten, befürchteten Unternehmen, Senat und Behörden wirtschaftliche Schäden für Hamburg und die erste große Flächensanierungsmaßnahme in Deutschland wurde eingeleitet. Die Behörde sah in der Sanierungsmaßnahme außerdem die Möglichkeit, auf die Lebensweisen der unteren Klassen Einfluss zu nehmen. Die Sanierung vollzog sich in drei Abschnitten. Nachdem bereits in den 1890er Jahren erste Häuser abgerissen worden waren, folgte zunächst um 1903 der Abbruch erster Häuser der Neustadt-Süd, die Maßnahmen im zweiten Abschnitt begannen zeitnah 1908 in der Altstadt-Ost. Nach Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution folgte die Sanierung des Gängeviertels der Neustadt-Nord, in dem sich heute unsere Wohnanlage befindet.
Politisch motivierte Sanierung
Die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Gängeviertels hatten sich in den 1920er Jahren politisch radikalisiert und wanden sich mehr und mehr der kommunistischen Partei Deutschlands zu (kurz: KPD). Dem wollten die Nationalsozialisten entschieden entgegentreten, vor allem, nachdem Hafenarbeiter am Tag der Machtübernahme symbolisch ihre Arbeit niedergelegt hatten. Noch im Jahr 1933 ließen die Nationalsozialisten die ersten Häuser abreißen. Um zu garantieren, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nach dem Abriss der Häuser wieder in der Nähe des Hafens Wohnraum finden würden, wurden für die Wiederbebauung Mietobergrenzen festgelegt, was in den beiden vorherigen Sanierungsabschnitten (Altstadt-Ost und Neustadt-Süd) nicht erfolgt war. Da private Bauunternehmer eine geringe Profitspanne erwarteten, erfolgte die Bebauung des Gebiets ausschließlich durch Wohnungsbaugenossenschaften. Auch wir beteiligten uns an diesen Neubaumaßnahmen und erstanden im Sommer 1935 ein Baugrundstück für 85.000 Reichsmark. Dass wir uns dieses Hafennahe Gelände leisten konnten, war möglich, da die Hamburgische Finanzverwaltung es uns unter dem handelsüblich festgesetzten Preis überlassen hatte. Der Kaufvertrag hielt fest, dass bei „der Vergabe der Wohnungen die früheren Mieter des Gängeviertels, Kriegsbeschädigte und die minderbemittelten werktätigen Arbeitnehmer des Hafens zu bevorzugen“ waren.
Um an die enge Verbindung zwischen unserer Genossenschaft und der heute litauischen Hafenstadt zu erinnern, nannten wir unseren 1936 fertiggestellten Neubau in der Neustadt Memelhaus. Diese Benennung nimmt jedoch nicht nur Bezug auf unsere Entstehungsgeschichte, sondern war auch ein strategischer Schachzug des damaligen Vorstands Matthias Strenge, nach dem auch unsere Matthias-Strenge-Siedlung in Poppenbüttel benannt ist. Nach Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Memel seit 1923 als autonome Region zu Litauen. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler forcierten die Nationalsozialisten die Rückführung des Gebiets ins Deutsche Reich. Der Name des Hauses schien damit voll in die nationalsozialistische Propaganda eingebettet. Lediglich Matthias Strenge verwies in seinem Vortrag zur Eröffnung kein einziges Mal auf das Memelland. Die auf plattdeutsch gehaltene Rede erinnerte ausschließlich an die Gründungszeit der Schiffszimmerer-Genossenschaft.
Das Memelhaus
Als Architekten engagierten wir für den Bau Alfredo Puls und Emil Richter, die wenige Jahre zuvor bereits das Kranzhaus in der Winterhuder Jarrestadt für uns geplant hatten. Start der Baumaßnahmen war im Oktober 1935. In der Neustadt entstanden acht Häuser mit vorschriftsmäßigen Luftschutzkellern und vier Vollgeschossen. Auf jeder Etage befanden sich zwei Wohnungen mit zwei Zimmern, einer Küche, Speisekammer, WC und einer Badenische. In den Dachgeschossen planten wir je Haus eine Eineinhalbzimmerwohnung. Es entstanden insgesamt 63 Wohnungen mit durchschnittlich 48 Quadratmetern Wohnfläche, die allesamt mit Bädern und Kohlenbadeöfen sowie Küchenherdheizungen für die Beheizung der Wohnungen ausgestattet waren.
Im Rademachergang 14 lässt sich außerdem seit 1938 eine Filiale der Niederelbischen Verbrauchergenossenschaft nachweisen. Diesen Namen trug die Konsumgenossenschaft Produktion nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten seit 1936. 1959 wurde das Lebensmittelgeschäft, nun wieder unter seinem ursprünglichen Namen, in einen Schlachterladen umgebaut, der ebenfalls von der Produktion bewirtschaftet wurde. 1984 bauten wir die Ladenfläche um und es entstanden so zwei weitere Wohnungen. Um den Wohnkomfort der Bewohnerinnen und Bewohner unserer Wohnanlage zu steigern, errichteten wir im Januar 1958 in den Kellerräumen Breiter Gang 5 eine Waschküche.
Das Memelhaus im Zweiten Weltkrieg
Bereits im Kaufvertrag von 1935 wurde festgehalten, dass für „sämtliche Hausbewohner […] im Keller vorschriftsmäßige Luftschutzräume einzurichten“ seien. Zurückzuführen war dies auf das Luftschutzgesetz aus demselben Jahr, das alle Wohnungsbaugenossenschaften aufforderte, Neubauten zukünftig mit Schutzräumen im Keller zu versehen. Auch in unserer Wohnanlage in Langenhorn errichteten wir entsprechende Luftschutzkeller. Im Mai 1940 begannen alliierte Streitkräfte mit den Bombenangriffen auf Hamburg. Das Memelhaus erlitt während des Zweiten Weltkriegs wiederholt Bombenschäden. Nachdem die letzten Treffer noch im Frühjahr 1945 zu verzeichnen waren, hielt unser Geschäftsbericht aus dem Jahr 1945 fest, dass acht Wohnungen schwer, zwölf mittelschwer und 42 Wohnungen leicht beschädigt wurden. Der Dachstuhl der Häuser Breitergang 11 und 13 wurde schwer beschädigt und musste erneuert werden. Insgesamt blieben nur zwei Wohnungen unbeschädigt.
Das Gängeviertel heute
Heute gehört das Memelhaus gemeinsam mit sieben weiteren Wohnanlagen zu unserem Bestand in der Neustadt. Nicht weit entfernt, in unmittelbarer Nähe zum Michel, vermitteln die Krameramtsstuben einen Eindruck der Wohnverhältnisse in den Gängevierteln vergangener Tage. Ebenfalls in der Neustadt befinden sich am Valentinskamp weitere Häuser eines jüngeren Gängeviertels. Hier engagieren sich heute der Verein Gängeviertel e.V. und die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG nicht nur für den Erhalt und die Bewirtschaftung der Gebäude, sondern auch für ihre öffentliche Nutzung durch kulturelle Veranstaltungen.