Unsere Quartiere im Wandel
Die Wohnanlage Semperstraße in der Jarrestadt
Wohnen zwischen Stadtpark und Alster
Rote Backsteinhäuser, begrünte Innenhöfe, Kitas, Schulen und das Kulturzentrum Kampnagel. Wer hat es erraten? Richtig! Heute befinden wir uns im beliebten Stadtteil Winterhude – genauer gesagt in der Jarrestadt. Dieses Wohngebiet gehört zu Winterhude und erstreckt sich zwischen Wiesendamm, Osterbekkanal, Goldbekkanal und dem Glindweg. Die Jarrestadt entstand in den 1920er und 1930er Jahren im Stil des „Neuen Bauens“. Auch drei unserer Wohnanlagen befinden sich hier. In früheren Wohnanlagenporträts haben wir bereits den 1929 bezogenen Otto-Stolten-Hof sowie das ein Jahr später fertiggestellte Kranzhaus vorgestellt. 1980, rund 50 Jahre später, erweiterten wir unseren Bestand um die Gebäude in der Semperstraße 88–90, Großheidestraße 49 und dem Hanssensweg 19. Diese Gebäude bilden heute die Wohnanlage Semperstraße.
Architekturwettbewerb und Planung
Der Baublock entstand – genau wie der Otto-Stolten-Hof – im Rahmen eines Architekturwettbewerbs. Diesen initiierte der damalige Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Der Wettbewerb bezog sich auf das Gebiet zwischen Wiesendamm und Jarrestadt, das seinerzeit vollständig der Stadt gehörte. Die Bewerberinnen und Bewerber reichten ihre Entwürfe anonym ein. Ein neunköpfiges Preisgericht vergab 1926 die Aufträge für zehn Wohnblöcke. Der Block, in dem sich unsere Wohnanlage befindet, plante der Hamburger Architekt Robert Friedmann. Dieser musste im Jahr 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens vor den Nationalsozialisten fliehen und emigrierte nach Palästina.
Vom Kolonialwarenladen zur Kita
Bauherr der vier Häuser war der Bauunternehmer Franz Potenberg, der das Gelände 1928 für 66.073 Reichsmark von der Stadt erwarb. Im Kaufvertrag wurde festgeschrieben, dass die Stadt die Fläche ab 2003 „jederzeit gegen Zahlung des […] entrichteten Kaufpreises ohne Zinsen und ohne Vergütung“ zurückkaufen könne. Nachdem wir die Gebäude gekauft hatten, galt dieses gesondert vertraglich vereinbarte Wiederkaufsrecht der Stadt nun auch für unsere Genossenschaft. Um dieses auszulösen, führten unsere damaligen Vorstände Eberhard Brandt, Bernd Grimm und Herbert Alfeld 2001 erste Gespräche mit der Stadt, noch bevor das Wiederkaufsrecht in Kraft trat. Schlussendlich waren die Verhandlungen erfolgreich. Übrigens: Seit dem Jahr 2020 haben wir keine Grundstücke im Erbbaurecht mehr in unserem Bestand.
Doch zurück in das vergangene Jahrtausend: Nachdem zunächst der westliche Teil der Semperstraße und des Hanssenswegs bebaut worden waren, erhielt Potenberg zum Jahresbeginn 1929 die Genehmigung, vier „Großwohnhäuser und ein Ladengebäude zu errichten“. 1931 konnten die neu errichteten Gebäudeteile bezogen werden. Im Hanssensweg eröffnete ein Kolonialwarenladen, der über Jahrzehnte die Nahversorgung der Bewohnerinnen und Bewohner sicherte. 1969 wurde die Ladenzeile durch einen Durchbruch zu dem danebenliegenden Geschäft vergrößert. Seit 1995 befindet sich im ersten Obergeschoss eine Kindertagesstätte über der Ladenzeile. Die Fläche des ehemaligen Lebensmittelgeschäfts beherbergt heute ein Architekturbüro.
Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau
Im Sommer 1943 beschädigten Luftangriffe das Gebäude schwer und es brannte aus. Während die Treppenhäuser erhalten blieben, waren die Außenwände in der Großheidestraße und der Semperstraße teilweise bis auf das erste und zweite Obergeschoss heruntergebrochen. Innerhalb der Wohnungen fehlten größtenteils die Innenwände. Obwohl Potenberg bereits im August 1946 den Genehmigungsbescheid für den Wiederaufbau erhalten hatte, verzögerte sich dessen Beginn und er konnte diesen erst im Sommer 1950 abschließen. Um den Wohnraumbedarf der Nachkriegszeit zu decken, wurden die Häuser um ein sechstes Vollgeschoss aufgestockt, in dem fünf Dachgeschosswohnungen entstanden. Zudem wurden die Grundrisse verändert und ehemalige Großwohnungen in kleinere geteilt. Diese Maßnahmen machten sich auch in den Hamburger Adressbüchern bemerkbar: Waren für die vier Häuser 1931 noch 40 Namen aufgeführt, waren es 1953 51. Heute umfasst die Wohnanlage Semperstraße 48 Wohnungen.
Denkmalschutz und behutsame Modernisierung
Im September 1980 erwarben wir die Gebäude. Wenige Jahre später wurde der Wohnblock in die Denkmalliste aufgenommen. Gemeinsam mit der Anlage Dulsberg, dem Heinrich-Groß-Hof in Barmbek-Süd und dem Otto-Stolten-Hof wurden somit im Jahr 1985 vier unserer Wohnanlagen unter Denkmalschutz gestellt. Modernisierungsmaßnahmen, wie der Einbau von Isolierglasfenstern in den Jahren 1985/86, erfolgten daher in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt.
Der besondere Charakter der Jarrestadt
Bis heute bewahrt die Jarrestadt ihren unverwechselbaren Charme. Bereits in den frühen 1980er Jahren würdigte eine Ausstellung im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses ihre besondere Atmosphäre. In einer Broschüre zur Ausstellung heißt es: „Wer heute in der Jarrestadt wohnt oder sie touristisch durchstreift, sollte sich bewusst sein, dass ihn auch ein Stück Hoffnung der 20er Jahre – sei es nun allgemeiner Wohnkomfort, Gemeinschaftsgeist, Materialtreue, ästhetischer Architekturgenuss oder ‚Heimat‘ umgibt“. Auch weitere 40 Jahre später haben diese Worte nicht an Aktualität verloren.