Unsere Quartiere im Wandel
Unsere Wohnanlage Wincklerstraße am Fuße des Michels: Wohnen mit Durchblick
Heute befinden wir uns in der Hamburger Neustadt. Der Stadtteil liegt zentral im Bezirk Hamburg Mitte, zwischen der Hamburger Altstadt und St. Pauli. In diesem kulturell vielfältigen Stadtteil fühlen sich sowohl Touristinnen und Touristen als auch Einheimische sehr wohl. Neben Cafés und Restaurants, lädt auch der nahegelegene Hafen zum Verweilen ein.
Die Hafennähe nutzten auch wir und bauten vor mehr als 125 Jahren unsere erste eigene Wohnanlage in der Neustadt. Doch da die Grundstückspreise in der Innenstadt schnell stiegen, folgten weitere Bauten zunächst in Dulsberg und Wilhelmsburg. Erst 1913 konnten wir wieder in Hafennähe bauen: in der Martin-Luther-Straße 14/18a und in der Wincklerstraße.
Auf direktem Wege in die Hauptkirche St. Michaelis
In unmittelbarer Nähe zur Michelwiese erstreckt sich der Gebäudekomplex zwischen Wincklerstraße und Martin-Luther-Straße. Das besondere an der Wohnanlage ist der überbaute Kirchweg, der bereits von der Martin-Luther-Straße blickend den Blick auf das wohl bekannteste Hamburger Kirchengebäude freigibt. 160 Quadratmeter des Baugrundstücks beanspruchte die Stadt als Eigentümerin für sich, um diesen Kirchgang zu errichten. Wir erstanden die Grundstücke rechts und links davon, deren Fläche sich auf 2698,5 Quadratmeter erstreckte. Zwar konnten wir vereinbaren, den Kirchgang überbauen zu dürfen, verpflichteten uns jedoch gleichzeitig, die Wände und Decken „baulich sowie dekorativ stets in tadellosem Zustande zu erhalten“ und weder Türen noch Fenster zum Durchgang hin zu bauen. Schmuckverzierungen im Inneren der Torbögen erinnern mit Schiffsreliefs sowie Ornamenten mit Ankern und Werkzeug der Schiffszimmerer an unsere Gründungszeit.
Dieser Durchgang zur Hauptkirche St. Michaels trägt heute den Namen Thielickestieg. Alle drei Straßennamen – Thielickestieg, Martin-Luther Straße und Wincklerstraße – gehen zurück auf Theologen. Der Name des Reformators Martin Luther (1483–1546) ist heute allgemein bekannt. Johann Winckler (1642–1705) und Helmut Thielicke (1908–1986) waren beide in der Funktion des Hauptpastors im Michel, beziehungsweise in dessen Vorgängerbau, tätig. Die kleine Passage, die Fußgängerinnen und Fußgänger durch zwei imposante Torbögen betreten und über denen der Name unserer Genossenschaft prangt, wurde 1989 in Würdigung an sein Wirken nach Pastor Thielicke benannt.
Eine Frage des Standorts
Da die Begebenheiten des Grundstücks einige bauliche Herausforderungen sowie der Kirchgang zusätzliche Verpflichtungen mit sich brachten, schrieb unser damaliger Geschäftsführer Heinrich Grosz am 16. Mai 1913 an die Finanzdeputation und bat darum, der Genossenschaft mit dem Kaufpreis des Grundstücks entgegenzukommen. Sein Schreiben veranschaulicht, wie wichtig ein hafennaher Wohnort damals für die Arbeiter war:
„Wir mit unserer Genossenschaft haben uns redlich bemüht, für die im Hafen und auf den Werften beschäftigten Arbeiter in der Nähe des Hafens billige, gesunde Wohnungen zu beschaffen, denn die Arbeiter, die im Hafen und auf den Schiffswerften ihre Beschäftigung haben und mit der Elbeflut-Tide rechnen müssen, die zum Docken und Slippen sowie zum Ein- und Ausholen von Schiffen, auch zu Nachtzeiten, wie es die Zeit der Flut-Tide mit sich bringe auf ihren Arbeitsplätzen zu erscheinen haben, können nicht weit entfernt vom Hafen wohnen.
Man bedenke nur, wenn diese Leute weit vom Hafen entfernt wohnen, und sie bei Nacht, wo es keine Fahrgelegenheit gibt, zu Fuß stundenlang noch dazu bei schlechter Witterung laufen müssen, um zur rechten Zeit auf ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen!“
Sein Schreiben hatte Erfolg: Statt dem ursprünglich festgesetzten Kaufpreis in Höhe von 200.088 Mark, reduzierte sich dieser auf 169.000 Mark und wir erhielten die Genehmigung, vier Ladenflächen in den Neubau zu integrieren und zu vermieten. Der ursprüngliche Entwurf des Kaufvertrags hatte dies untersagt. Diese Einnahmequelle war für uns jedoch sehr wichtig, um durch die zusätzlich generierten Mieteinnahmen wiederum die Mietpreise für die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnungen möglichst günstig zu halten. An dieser Stelle verwenden wir bewusst die Bezeichnung Miete, da damals viele Bewohnerinnen und Bewohner unserer Bauten noch keine Mitglieder unserer Genossenschaft waren.
Elf Häuser und eine Badeanstalt
Als Architekt engagierten wir Ernst Vincenz, der bereits zuvor für uns tätig war und unter anderem auch die Pläne für unsere Wohnanlagen in der Dehnhaide und in Wilhelmsburg sowie das nahegelegene „Arbeiterschloss“ entworfen hatte. Im Herbst 1914, wenige Wochen vor dem Tod Heinrich Grosz, konnten wir unseren Neubau zwischen Wincklerstraße und Martin-Luther-Straße fertigstellen. 130 Ein- bis Dreizimmerwohnungen zwischen 30,5 und 60 Quadratmetern sowie vier Läden verteilten sich auf elf Häuser. In der Wincklerstraße 5 bauten wir eine Badeanstalt mit vier Wannen, zwei Brausebädern und sogar einem Warteraum. Denn ein eigenes Badezimmer mit Duschmöglichkeit war zu jener Zeit noch eine Ausnahme. Seit 1950 befindet sich hier im Keller eine Waschküche.
Bauliche Veränderungen
Bei dem Neubau von 1914 handelte es sich um die sechste Wohnanlage unserer Genossenschaft, die unseren Wohnungsbestand auf 583 erweiterte. 1933 nahmen wir erstmals bauliche Veränderungen an den Gebäuden vor. Wir erhielten die Genehmigung einen bereits seit längerer Zeit leerstehenden Laden in der Martin-Luther-Straße 16 durch den Einbau eines Zwischengeschosses in zwei Wohnungen umzubauen, die im Erdgeschoss und Hochparterre entstehen sollten. Möglich war dies durch die 5,22 Meter hohen Decken des Ladens. Noch heute kann man die Umbaumaßnahmen links unter den beiden Erkern erkennen. Auch die übrigen Ladenflächen wandelten wir schrittweise in Wohnungen um: Umbauten erfolgten 1934 in der Wincklerstraße 7, 1937 in der Martin-Luther-Straße 18a und 1938 in der Wincklerstraße 17.
Im Zweiten Weltkrieg wurde unsere Wohnanlage schwer beschädigt. Während in der Martin-Luther-Straße 14–18a und der Wincklerstraße 5–7 vor allem Schäden am Dach entstanden, wurden die Häuser Wincklerstraße 11–17 größtenteils zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus veränderten wir aufgrund der enormen Wohnungsknappheit die Grundrisse und teilten große Wohnungen in mehrere kleine auf. Die früher innenliegenden Treppenhäuser verlegten wir an die nördliche Außenwand. Im Sommer 1951 konnten die Bewohnerinnen und Bewohner einziehen. Einige der Flächen wurden nun auch wieder gewerblich genutzt.
Neuerliche Grundrissumgestaltungen erfolgten Ende der 1970er Jahre. Zu dieser Zeit widmeten wir uns verstärkt dem Städtebau und legten den Fokus auf Modernisierungsmaßnahmen und weniger auf den Wohnungsneubau. Zwischen 1978 und 1980 entstanden durch umfangreiche Umbauten aus Wohnraum mit unzulänglichen Grundrisslösungen und ungenügender Ausstattung moderne Wohnungen, die nicht nur aufgrund ihrer attraktiven Innenstadtlage sehr beliebt waren. Noch heute erinnert eine blaue Tafel rechts des Torbogens in der Martin-Luther-Straße an eine Auszeichnung, welche die Erneuerung unseres Wohngebäudes als vorbildlich würdigt.