Fitness, Spiel und Begegnung vor der Haustür

.

(Fotos: Gerrit Meier)

Das ideale „Sportstudio“ liegt direkt vor der Haustür. Es kann jederzeit genutzt werden und kostenlos ist es auch: Straßen und Plätze im unmittelbaren Wohnumfeld bieten ideale Möglichkeiten, um den Körper fit zu halten. In einem kurzen Vortrag vermittelte Martin Legge Mitgliedern und Vertretern unserer Schiffszimmerer-Genossenschaft in der Schule am Neuberger Weg zahlreiche Tricks und Ideen, wie jeder ganz nach seinen Möglichkeiten etwas für seine Gesundheit tun kann. Dass es zudem einen Riesenspaß macht, erlebten die Teilnehmer beim Ausprobieren.

Die erste Bewegungsstation erreichen die Teilnehmer nach nur einem Schritt ins Freie: Gehwegplatten. Mit ihnen üben die Teilnehmer konzentrierte Vor- und Seitwärtsschritte. Ebenso wie vorsichtiges Rückwärtsgehen. „Das verbessert die Trittsicherheit und die Mobilität“, sagt der Bewegungstrainer Martin Legge. „Ehrlich gesagt bin ich ja ein bisschen verkrampft gekommen“, meint Antje Haugwitz. „Aber diese kleine Übung lockert mich gleich auf.“ Wie für alle übrigen Teilnehmer sind auch für sie die Anregungen für das Bewegungstraining direkt vor der Haustür völlig neu. „Kein Wunder“, sagt Martin Legge. „Die Bewohner haben sich zu sehr in ihre vier Wände zurückgezogen. Deshalb ist es unser Ziel, dass die Menschen ihr Quartier als Bewegungsraum zurückerobern. Ob Säulen, Parkbänke, Gehwegplatten, Kantsteine oder Stangen, fast alles eignet sich als Hilfsmittel, um damit den Körper geschmeidig zu halten.“ Nein, niemand solle darauf warten bis irgendwann im Quartier ein teurer Geräteparcours installiert werde. „Das dauert ewig und außerdem sind die ‚Fitnessgeräte‘ längst vorhanden“, meint Martin Legge. Viel besser sei die Devise: „Geh raus, du findest schon was.“

Stimmt: Das nächste „Sportgerät“ ist nur wenige Schritte entfernt. An ein paar Säulen absolvieren die Teilnehmer Liegestütze im Stehen. Vorsichtig drücken sie mit Muskelkraft das eigene Körpergewicht von sich, so oft es ihnen möglich ist. „Ich muss etwas für meinen Rücken tun, da hilft auch diese Übung“, sagt Helga Thomen. Sie ist mit 81 Jahren die älteste Teilnehmerin und hat sichtliches Vergnügen an den gemeinsamen Übungen. „In der Gruppe bringt das natürlich besonders viel Spaß“, sagt sie. Auf dem nahen Spielplatz geht es weiter. Da die Geräte für sehr hohe Belastungen ausgelegt sind, eignen sie sich auch für die Erwachsenenübungen. „Das ist kein Problem“, meint Martin Legge, der die nächste Aufgabe erklärt, die auf einer Schaukel stattfindet. „Himmel, darauf habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesessen“, sagt eine Teilnehmerin vergnügt. Hier müssen die „bewegten“ Schiffszimmerer aus der Ruhelage heraus und ohne den Boden zu berühren die Schaukel in Gang setzen. Das Ganze erinnert sehr an ein Rudertraining auf dem Trockenen. „Gar nicht so einfach“, wundert sich Karl-Heinz Hartrumpf, der beruflich Einsätze in der Rettungsdienstzentrale auf St.Pauli koordiniert. Ihm gefällt besonders, dass man mit den Übungen jederzeit und quasi an jedem Ort loslegen kann. „Schön wäre es natürlich, wenn man dauerhaft Gruppen zusammenbringen könnte, die sich zu einem bestimmten Termin treffen. Das wäre schon sehr motivierend“, sagt der 64-Jährige.

Auf der Wippe versuchen einige Teilnehmer, sich gegenseitig in die Höhe zu bringen. Nach ein paar Übungen, bei denen ganz normale Treppenstufen als Hilfsmittel dienen, geht es zum Spielen. Hier legen sich die Teilnehmer bei einer Art Stangen-Volleyball ins Zeug, bei dem sie sich einen leichten Ball dreimal zuwerfen müssen, bevor sie ihn zur „gegnerischen“ Mannschaft abgeben. Anklang findet ebenfalls das finnische Stockspiel Mölkky, bei dem mit einem Holzstück auf zwölf hochkant stehende Spielhölzer geworfen wird. Besonders viel Spaß macht den Teilnehmern anschließend das Curling mit Gymnastikreifen. Dafür malt Martin Legge eine Kreide-Zielscheibe auf den Boden, dann erhalten die Teilnehmer die Kunststoffreifen, die sie möglichst ins Zentrum werfen sollen. Die nächsten Mitspieler haben dann – wie beim Curling – die Möglichkeit, mit ihren Reifen die anderen herauszuschieben.

„Das Zielwerfen hat mir am meisten Spaß gemacht“, sagt Helga Thomen, die dieses Spiel trotz ihres Alters „überhaupt nicht schwer“ fand. Das gilt auch für das Ehepaar Käti und Volker Haußen. Sie haben durch Martin Legge bereits in ihrer Kirchengemeinde ein paar Übungen kennengelernt und sind rundum begeistert. Käti Haußen: „Wir sind ja nicht gerade die großen Sportler, aber die Bewegungsmöglichkeiten, die Herr Legge uns beigebracht hat, sind wunderbare Anregungen.“ Wer neu dabei sei oder das sportliche Treiben beobachte, wundere sich zunächst. Doch wer mitmacht, habe sofort einen riesigen Spaß daran. „Man kann eben Beachball auch in der Sandkiste spielen und jede Parkbank als Übungsgerät benutzen“, sagt Käti Haußen.

Neben der sportlichen Betätigung sei auch die Begegnung in der Gruppe sehr wichtig, meint Martin Legge. „Da freuen sich viele schon auf das nächste Treffen und den gemeinsamen Spaß.“ Der Bewegungstrainer wird übrigens in den nächsten Monaten auch in anderen Wohnanlagen erste Schnuppertrainings anbieten. „Ganz schnell merken die Teilnehmer, dass sie bei den Übungen, aber auch bei den Spielen immer etwas besser werden“, sagt er. Wie viel Spaß die Leute dabei hätten, zeige ja auch das norddeutsche Bosseln oder das Boule spielen. „Wir betreiben das mit speziellem Spielgerät, damit jeder in seinem Tempo mitmachen kann.“ So müssten etwa Bälle weicher und besser zu greifen sein.

„Auch beim Spiel werden lange brachliegende Muskelpartien langsam in Form gebracht.“ Oft entstehe da auch eine erfrischende Eigendynamik, sagt Legge. Die Wippe hätten sich einige Teilnehmer schließlich ganz von allein erobert und genau das sei erwünscht. Marion Leiteritz, die als Vertreterin für die Schiffszimmerer aktiv ist, möchte einige Spiele auch für das in Ammersbek geplante Nachbarschaftsfest anbieten. „Ich bin schon sehr gespannt, wie das nach dem Kaffeetrinken angenommen wird“, sagt sie.

Wie einfach man die Übungen und Spiele auch auf Ältere zuschneiden kann, beweist ein 95-jähriger Herr, der in Steilshoop regelmäßig dabei war. „Bei uns sind auch Teilnehmer, die mit dem Rollator anrollen, sehr willkommen“, sagt Martin Legge. „Nein, bei den Übungen verausgabt sich niemand“, bestätigt auch Käti Haußen. Und der 76-jährigen Antje Haugwitz ist noch etwas aufgefallen: „Durch das Trainieren ist man anschließend fitter im Kopf. Man kann klarer denken.“ Auch gegen unnütze Grübelei würde regelmäßige Bewegung in der Gruppe helfen. „Ich war danach viel ausgeglichener und auch trübe Gedanken sind einfach verschwunden. Man bewegt nicht nur den Körper, sondern bringt auch das Gehirn in Schwung.“

Dieser Beitrag ist in der Bei Uns 03/16 erschienen.